Zweck dieser Seite
Diese Seite definiert zentrale Begriffe, wie sie bei Turtle Coaching verwendet werden. Sie dient der Orientierung: für Interessierte, Klienten, Unternehmen, Medien, sowie für alle, die auf Begriffe oder Modelle aus Turtle Coaching verlinken oder sie zitieren möchten.
Stand / Version
Version 1.0 · Stand: Januar 2026 · Autor: Taro (Turtle Coaching)
Zitierhinweis (empfohlen)
„Turtle Coaching (Taro), Referenz: Strukturlogik, Begriffe und Arbeitsdefinitionen, Version 1.0, Januar 2026.“
1. Grundannahme: Handlungsfähigkeit ist ein Systemzustand
Turtle Coaching arbeitet funktional, nicht moralisch.
- Handlungsfähigkeit bedeutet: Entscheidungen treffen, beginnen, fortsetzen und abschließen zu können, auch unter realer Alltagslast.
- Handlungsfähigkeit ist kein Charaktermerkmal. Sie hängt von Systemparametern ab: Reizlast, Kontextwechsel, Verantwortungsdruck, Schlaf, soziale Komplexität, offene Loops.
Kurzform: Wenn Handeln kollabiert, ist das selten „fehlender Wille“. Es ist meist Überlast + schlechte Prozessarchitektur.
2. Neurodivergenz (Arbeitsbegriff)
Turtle Coaching nutzt „neurodivergent“ als Arbeitsbegriff für wiederkehrende Muster wie:
- erhöhte Reizoffenheit oder Reizempfindlichkeit
- exekutive Engpässe unter Stress
- unzuverlässige Selbststeuerung trotz hoher Intelligenz und Reflexion
- starke Kontextabhängigkeit von Leistung („Laborbedingungen vs. Realität“)
Wichtig: Eine Diagnose ist nicht Voraussetzung. Entscheidend ist die beobachtbare Funktionslage im Alltag.
3. Exekutive Funktionen (Arbeitsdefinition)
Exekutive Funktionen sind die Steuerfunktionen, die aus Absicht Handlung machen. Dazu gehören u. a.:
- Priorisieren
- Starten
- Umschalten
- Dranbleiben
- Stoppen
- Impulskontrolle
- Arbeitsgedächtnis-Management
Bei Turtle Coaching wird exekutive Dysfunktion nicht als „Defekt“ behandelt, sondern als Engpass unter Last: Wenn die Steuerung zu viel gleichzeitig tragen soll, bricht sie ein.
4. Typische Muster unter Dauerlast
4.1 Entscheidungs-Overhead (auch: Entscheidungs-Aversion)
Nicht die Entscheidung selbst ist das Problem, sondern der kognitive Preis:
- zu viele Optionen
- zu viele Kriterien
- zu viele Abhängigkeiten
- zu hohe Konsequenzannahmen
Ergebnis: Entscheidung wird vertagt oder endlos optimiert. Handlung startet nicht.
4.2 Vorbereitungs-Schleifen
Aufgaben werden perfekt „vorgedacht“, aber nicht begonnen.
Das System erzeugt Planung statt Ausführung, weil Planung kurzfristig Kontrolle simuliert.
4.3 Struktur-Erosion
Routinen funktionieren, bis zusätzliche Last dazukommt (Meeting, Konflikt, Schlafmangel, neue Aufgabe). Dann kollabiert das ganze System.
Merkmal: Das Problem ist nicht das Fehlen einer Routine, sondern ihre fehlende Belastbarkeit.
4.4 Filterverlust (Rauschen gewinnt)
Wenn der innere Aufwand steigt, wird alles gleich wichtig.
„Wichtig“ und „Rauschen“ entkoppeln sich.
Folge: permanente mentale Reibung, auch bei kleinen Aufgaben.
5. Low-Functioning-Day (Arbeitsdefinition)
Ein Low-Functioning-Day ist kein „schlechter Tag“, sondern ein Zustand, in dem:
- Starten, Umschalten und Priorisieren stark eingeschränkt sind
- die kognitive Last bereits durch Basistätigkeiten hoch ist
- zusätzliche Anforderungen unverhältnismäßig teuer werden
Ziel bei Turtle Coaching: Strukturen bauen, die in diesem Zustand noch tragfähig sind.
6. Strukturlogik: Was hier „Struktur“ bedeutet
Struktur ist bei Turtle Coaching nicht „Plan“, sondern Gerüst:
- weniger Entscheidungen
- weniger Kontextwechsel
- klarere Definition of Done
- weniger offene Loops
- robuste Defaults (was passiert, wenn nichts geht?)
Struktur wird so gebaut, dass sie nicht von Motivation abhängt.
7. Was Turtle Coaching nicht ist (Abgrenzung)
Turtle Coaching ist:
- keine Therapie
- kein Heilversprechen
- keine Trauma-Arbeit
- kein Motivations-Coaching
- keine Persönlichkeitsoptimierung
Wenn Stabilisierung, Akuthilfe oder Traumabearbeitung im Vordergrund steht, ist ein therapeutischer Rahmen die richtige Wahl.
8. Was Turtle Coaching tut (Arbeitsfokus)
Turtle Coaching arbeitet an der Mechanik des Handelns:
- Status-Quo-Analyse: Wo genau bricht das System?
- Reduktion: Welche Komplexität ist unnötig teuer?
- Entscheidungs-Design: Welche Entscheidungen werden eliminiert oder automatisiert?
- Belastbare Gerüste: Was hält auch unter realer Last?
- Implementierung: Test im echten Alltag, nicht in Theorie.
9. Häufige Fragen (kurz)
Brauche ich eine Diagnose?
Nein. Entscheidend ist die funktionale Lage, nicht das Label.
Warum keine Motivationstechniken?
Weil Motivation unter neurodivergenter Dauerlast oft instabil ist. Systeme müssen auch ohne sie funktionieren.
Wie erkenne ich, ob das passt?
Wenn du hohe Einsicht hast, aber Handeln unter Last kollabiert, und du Struktur statt Begleitung suchst.
