Wenn Dummheit Kultur trägt

Lesedauer: 3 Minuten

Über Funktionieren, Anpassung und die leise Grenze des Denkens

Man lebt im Alltag mit der stillschweigenden Annahme, dass Menschen im Großen und Ganzen vernünftig handeln. Dass Systeme lernen. Dass Irrtümer korrigiert werden, wenn sie sichtbar genug sind. Diese Annahme ist nicht naiv. Sie ist notwendig. Ohne sie ließe sich kaum zusammenleben.

Kultur existiert genau aus diesem Grund. Sie reduziert Komplexität, entlastet Entscheidungen, schafft gemeinsame Erwartungen. Sie erlaubt Koordination, ohne dass alles ständig neu ausgehandelt werden muss. In diesem Sinne ist Kultur keine Täuschung, sondern eine kognitive Infrastruktur. Sie macht die Welt begehbar.

Und doch ist genau hier die Bruchlinie.

„Wenn Dummheit Kultur trägt“ weiterlesen

Sutren in 2025

Lesedauer: 2 Minuten

Sutra 1: Atme. Guck hin. Halt’s aus. Mach weiter.

Das ist die ganze Lehre in vier Sätzen.
Aber wir wären keine Menschen, wenn wir nicht sofort sagen würden: „Ja, aber wie denn?“
Wie… als wär das ’ne IKEA-Anleitung zur Erleuchtung.
Dabei ist’s einfach: Atmen, gucken, aushalten, weitermachen.
Nicht optimieren, nicht kurbeln. Nur das.
Das Universum braucht keine To-Do-Liste von dir.


„Sutren in 2025“ weiterlesen

Vipassana. Aus der Sicht eines Zafus (Meditations-Kissen)

Lesedauer: 12 Minuten

Ich habe Tausende von Schmerzen gesessen, und Tausende von Momenten der Stille gekannt.

Mein Name ist irrelevant; meine Essenz ist eine einfache, braune Hülle, gefüllt mit Baumwolle und Jahrzehnten der Stille. Ich bin kein bloßer Gegenstand; ich bin die gesammelte Geschichte der Anicca (Vergänglichkeit), die Essenz des Vergänglichen, auf der das menschliche Herz zur Ruhe kommt. Ich bin ein Archivar der Sankhāras, ein unbeweglicher Zeuge des menschlichen Leidens (Dukkha) und seiner Auflösung. Ich kenne die Wahrheit, dass Leiden entsteht, Leiden vergeht, und dass meine Baumwollfasern das einzige, ehrliche Protokoll dieser Reise sind.

„Vipassana. Aus der Sicht eines Zafus (Meditations-Kissen)“ weiterlesen

Mein Rendezvous mit einem Zauberstab

Lesedauer: < 1 Minute

Ich bin Gustav.
Holz. Bodenständig.
Und dann kam er – glänzend, geschnitzt, leicht arrogant

Es war auf einem Meditationsretreat im Wald.
Ich ruhte angelehnt an einem Baumstumpf, zufrieden, moosbedeckt, schweigend.
Plötzlich: Funken. Zischen. Glitzerstaub.

Er tauchte auf wie aus dem Nichts.
Lang, elegant, Ebenholz.
Mit Silbergravur. Ein bisschen zu sehr „Ich bin besonders“.

„Du bist also ein Pilgerstab?“ fragte er mit einem Lächeln, das Bäume erröten ließ.
„Korrekt. Und du? Spazierstock mit Profilierungsproblem?“
Er lachte. Charmant. Verdammt.


Er hieß Alathor. Natürlich.

„Ich kanalisiere Energie. Ich manifestiere Wirklichkeit. Ich verändere das Gewebe des Raums.“

Ich:

„Ich trage Lasten. Ich halte still. Ich überstehe Regen, Sonne und deine Sprüche.“

Wir diskutierten über Macht.
Er sprach von „Intention“.
Ich sprach von „Schritt für Schritt.“

Er wollte zaubern.
Ich wollte zuhören.


Am Abend saßen wir am Feuer.
Ein Mönch streichelte mich kurz und sagte:

„Dieser Stock kennt mehr Stille als tausend Mantras.“
Alathor war plötzlich ganz still.

Da verstand ich:
Wir sind beide Werkzeuge
aber für verschiedene Welten.


Er ist Blitz.
Ich bin Wurzel.

Er entfacht.
Ich erde.

Er verschwand mit einem „Expelli…“
(oder war’s „Expressi“? Keine Ahnung – ich war müde.)

Ich blieb.
Weil das mein Zauber ist:
Dasein. Nicht Davonsein.


Ob wir uns je wiedersahen? Vielleicht. Aber dann hätte er Gustav heißen müssen.

Warum ich nie ein Besen wurde

Lesedauer: < 1 Minute

Sie wollten mich kehren sehen.
Aber ich bin zum Tragen gemacht.

Ich gebe zu, es war knapp.

Damals, in der Scheune.
Der alte Tischler stand mit dem Besenstiel in der einen und mir in der anderen Hand.
Zwei Äste, zwei Wege.

Der andere wurde gekrümmt, gesägt, gebohrt.
Ich blieb gerade. Unverändert. Unauffällig.
Und plötzlich… lag ich in der Ecke. Vergessen.

Ich war enttäuscht.
Der Besen hatte wenigstens eine Aufgabe.
Er räumte auf, wurde gebraucht, bewegte Staub, bekam Lob.

Ich lag herum.

Jahre später verstand ich:
Ich bin kein Werkzeug für Außenreinigung.
Ich bin ein Begleiter der Inneren Wege.


Der Besen ist laut, fegt, kratzt.
Ich bin still, warte, halte.

Der Besen räumt Spuren weg.
Ich helfe, Spuren zu hinterlassen.

Der Besen hat Borsten. Ich habe Geschichte.


Ich wurde kein Besen,
weil ich nicht dafür gemacht bin, Dinge wegzuschaffen
sondern Menschen auf ihrem Weg zu begleiten.
Nicht zu fegen. Sondern zu führen.

Einmal flüstertest du:

„Du bringst mich nicht voran, Gustav.
Du bringst mich zu mir selbst.“

Das ist es.


Und falls ich doch mal einen Staubwedel berühre – dann nur im Zen-Stil. Mit Achtsamkeit. Und vielleicht Räucherstäbchen.