Misophonie – Wenn Alltagsgeräusche das Nervensystem kapern

Lesedauer: 3 Minuten

Kurzfassung für Menschen mit wenig Geduld (also fast alle)

Misophonie ist keine Marotte, kein „Stell dich nicht so an“ und auch kein Zeichen mangelnder Spiritualität. Es ist eine neurobiologische Stressreaktion auf bestimmte Geräusche. Punkt. Man kann damit leben lernen, ohne andere Menschen anzuschreien oder selbst in den Wald zu ziehen. Schildkröten-Modus ist möglich.

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Misophonie – Wenn das Nervensystem auf Geräusche reagiert
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Was ist Misophonie eigentlich?

Misophonie bedeutet wörtlich „Hass auf Geräusche“. Klingt dramatisch, ist aber ziemlich präzise.

Bestimmte Trigger-Geräusche – oft leise, repetitive, körpernahe Geräusche – lösen eine unverhältnismäßig starke Stressreaktion aus. Typisch sind:

  • Schmatzen, Kauen, Schlucken
  • Atmen, Schniefen, Räuspern
  • Tastaturklackern
  • Tickende Uhren
  • Fußwippen, Klicken mit Kugelschreibern

Das Entscheidende: Das Problem ist nicht das Geräusch, sondern die automatische Reaktion darauf.

Der Körper reagiert, als wäre gerade Gefahr im Verzug:

  • Puls hoch
  • Muskelspannung
  • Ärger, Ekel oder Fluchtimpuls

Und der Kopf denkt sich danach eine passende Geschichte dazu. Meist keine freundliche.

Was passiert im Nervensystem?

Bei Misophonie sind bestimmte Hörreize ungewöhnlich stark mit dem emotionalen Alarmsystem gekoppelt.

Vereinfacht gesagt:

Geräusch → limbisches System → Stressreaktion

Ohne Umweg über „Ist das wirklich ein Problem?“

Das ist keine bewusste Entscheidung und auch kein Charakterfehler. Es ist eine gelernte, reflexhafte Verschaltung.

Je öfter man sich darüber aufregt oder dagegen ankämpft, desto tiefer wird diese Spur. Willkommen im Neuroplastizitäts-Club.

Was hilft wirklich? Spoiler: Nicht Disziplin.

1. Reizmanagement statt Selbstüberforderung

Du musst nicht heldenhaft alles aushalten.

Einfache, legitime Hilfsmittel:

  • Noise-Cancelling-Kopfhörer (kein Rückzug, sondern Nervenschutz)
  • Weiße Geräusche oder Naturklänge im Hintergrund
  • Leise Musik beim Essen in Gemeinschaft
  • Sitzplatzwahl: Abstand zu Triggerquellen ist kein moralisches Versagen

Das Ziel ist nicht Abschottung für immer, sondern Regulation.

2. Der Schildkröten-Move: Reaktion verlangsamen

Zwischen Reiz und Reaktion gibt es oft ein winziges Zeitfenster. Das trainieren wir.

Mini-Übung:

  • Geräusch bemerken
  • Innerlich sagen: „Trigger.“
  • Aufmerksamkeit kurz in den Körper lenken (Füße, Rücken, Atem)

Nicht analysieren. Nicht bewerten. Nicht den Menschen mental entsorgen.

Du nimmst dem Reflex das Steuer. Langsam. Wie eine Schildkröte. Nervig langsam. Wirksam.

3. Verhalten gegenüber Menschen, die Geräusche machen

Wichtiger Punkt, weil hier viel unnötiger Schaden entsteht.

Grundregel:

Die andere Person macht nichts falsch.

Auch wenn dein Nervensystem das anders behauptet.

Hilfreiche Optionen:

  • Ich-Botschaften: „Ich merke, dass mich bestimmte Geräusche stark stressen.“
  • Pragmatische Lösungen: Musik an, Platz wechseln, kurze Pause
  • Humor (wenn möglich): Entschärft die Situation für alle

Nicht hilfreich:

  • Vorwürfe
  • Belehrungen
  • Leiden in Würde und innerlich explodieren

4. Langfristig: Nervensystem umtrainieren

Hier wird Turtle Coaching langweilig konsequent.

Regelmäßige Praxis hilft, die Reiz-Reaktions-Kopplung zu lockern:

  • Atemwahrnehmung (ruhig, nicht kontrollierend)
  • Körperbasierte Meditation
  • Sanfte Exposition in dosierten Mengen

Nicht: Zwang, Durchhalten, spiritueller Stolz.

Das Ziel ist nicht, Geräusche zu lieben. Es reicht völlig, nicht mehr von ihnen ferngesteuert zu werden.

Wann Unterstützung sinnvoll ist

Wenn Misophonie:

  • Beziehungen belastet
  • Rückzug verstärkt
  • Dauerstress erzeugt

… dann ist Begleitung sinnvoll. Nicht um dich zu reparieren, sondern um dein Nervensystem wieder als Verbündeten zu gewinnen.

Turtle Coaching Perspektive

Misophonie ist ein klassisches Beispiel dafür, was passiert, wenn ein sensibles System zu lange auf Geschwindigkeit statt Sicherheit getunt wurde.

Die Lösung ist selten „mehr Aushalten“.

Meist ist es:

  • langsamer werden
  • Reaktionen verstehen
  • Schutz erlauben
  • Wahlmöglichkeiten zurückholen

Oder in Schildkrötensprache:

Du musst nicht schneller werden als die Welt.
Es reicht, wenn du nicht mehr von ihr gejagt wirst.

Vertiefung: Ein strukturierter Kurs zu Misophonie

Aus den Gesprächen, Rückmeldungen und eigenen Erfahrungen ist ein ausführlicher, textbasierter Kurs entstanden, der Misophonie nicht als Störung, sondern als neurobiologische Schutzreaktion betrachtet.

Der Kurs geht systematisch vor:

  • Er erklärt, was bei Misophonie im Nervensystem passiert
  • zeigt, warum Willenskraft und Aushalten meist scheitern
  • und führt Schritt für Schritt zu mehr Regulation, Wahlfreiheit und Alltagstauglichkeit

Der Fokus liegt nicht auf dem „Wegmachen“ von Geräuschen, sondern auf dem Umgang mit der eigenen Reaktion.

Der Kurs umfasst 12 inhaltlich aufeinander aufbauende Module, ergänzende Bonus-Inhalte sowie eine kurze Orientierung für Angehörige.

👉 Hier geht es zum Kurs auf Skool:
https://www.skool.com/sitnbreathe-4635/classroom/00827846?md=5ad50b940d4a4ac3bcc4596109f33267

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder therapeutische Diagnose. Aber er darf dir erlauben, dich selbst etwas weniger falsch zu finden.

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