Über Funktionieren, Anpassung und die leise Grenze des Denkens
Man lebt im Alltag mit der stillschweigenden Annahme, dass Menschen im Großen und Ganzen vernünftig handeln. Dass Systeme lernen. Dass Irrtümer korrigiert werden, wenn sie sichtbar genug sind. Diese Annahme ist nicht naiv. Sie ist notwendig. Ohne sie ließe sich kaum zusammenleben.
Kultur existiert genau aus diesem Grund. Sie reduziert Komplexität, entlastet Entscheidungen, schafft gemeinsame Erwartungen. Sie erlaubt Koordination, ohne dass alles ständig neu ausgehandelt werden muss. In diesem Sinne ist Kultur keine Täuschung, sondern eine kognitive Infrastruktur. Sie macht die Welt begehbar.
Und doch ist genau hier die Bruchlinie.
Was als Entlastung beginnt, kann unmerklich zur Verengung werden. Was Orientierung bietet, kann sich in Normalität verfestigen. Und Normalität, das zeigen viele Denker aus sehr unterschiedlichen Richtungen, ist kein verlässliches Kriterium für Sinn oder Wahrheit.
Der Ökonom Carlo M. Cipolla hat diesen blinden Fleck mit seinem Begriff der Dummheit markiert. Nicht als Beleidigung, sondern als Struktur. Dummheit meint bei ihm kein Fehlen von Intelligenz, sondern Handeln, das schadet, ohne dass jemand davon profitiert. Solches Handeln ist erstaunlich stabil, gerade weil es keinen offensichtlichen Täter braucht. Es entsteht dort, wo Mitmachen wichtiger ist als Verstehen.
Das macht Dummheit kompatibel mit Kultur. Und gefährlich.
Kultur belohnt nicht Einsicht, sondern Anschlussfähigkeit. Sie prämiert das reibungslose Weiterreichen bestehender Muster. Wer sich einfügt, gilt als vernünftig. Wer stockt, fragt oder zögert, fällt auf. Michel Foucault hat gezeigt, wie wirksam diese Mechanik ist. Normalität wirkt nicht durch Zwang, sondern durch Selbstverständlichkeit. Man hält sich nicht an Regeln, weil man muss, sondern weil sie sich richtig anfühlen.
Das Problem ist nicht, dass Menschen aufhören zu denken.
Das Problem ist, dass Denken zu einem Sonderfall wird.
Hannah Arendt hat diesen Punkt in ihrer Analyse der Gedankenlosigkeit scharf gemacht. Die gefährlichsten Entscheidungen entstehen selten aus Bosheit. Sie entstehen aus Routinen, aus Rollen, aus dem stillen Vollzug dessen, was vorgesehen ist. Nicht, weil Menschen böse wären, sondern weil sie funktionieren.
Funktionieren ist jedoch kein neutraler Zustand. Es hat eine Richtung. Und diese Richtung wird kulturell vorgegeben.
Warum machen Menschen das mit, selbst wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt? Erich Fromm gibt darauf eine nüchterne Antwort. Freiheit ist anstrengend. Sie bedeutet Unsicherheit, Verantwortung, Vereinzelung. Anpassung hingegen beruhigt. Sie nimmt Last ab. Sie bietet Zugehörigkeit. Kultur liefert fertige Identitäten, in die man hineinschlüpfen kann, ohne sich ständig erklären zu müssen.
Der Preis dafür ist nicht sofort sichtbar. Er zeigt sich zeitversetzt. Als Müdigkeit. Als innere Abwesenheit. Als das diffuse Gefühl, zwar beteiligt gewesen zu sein, aber nie wirklich anwesend.
Und selbst dort, wo dieser Preis längst erkannt ist, kippt das System nicht automatisch. Peter Sloterdijk beschreibt diesen Zustand als aufgeklärtes falsches Bewusstsein. Man weiß, dass vieles Unsinn ist. Man macht trotzdem weiter. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung. Aus der stillen Rechnung, dass Mitmachen weniger kostet als Widerstand.
Systeme sind darauf eingestellt. Sie rechnen mit dieser Müdigkeit. Sie brauchen keinen Glauben mehr, nur noch Teilnahme.
Im Alltag materialisiert sich das in einer merkwürdigen Leere. Sinnlose Prozesse, leere Tätigkeiten, ritualisierte Beschäftigung. David Graeber hat gezeigt, dass solcher Bullshit kein Unfall ist. Er stabilisiert Systeme, indem er Menschen beschäftigt hält. Je sinnloser eine Struktur, desto stärker wird sie verteidigt, weil sie Identität trägt.
An diesem Punkt wird Terence McKenna Satz präzise. Culture is not your friend heißt nicht, dass Kultur zerstörerisch wäre. Es heißt, dass sie kein Interesse an deiner Klarheit hat. Kultur will sich fortsetzen. Reibungslos. Bewusstsein ist dabei kein Ziel, sondern ein Störfaktor.
Und doch wäre Kulturverachtung die falsche Konsequenz. Ohne Vereinfachung, ohne Routinen, ohne geteilte Muster wäre gemeinsames Leben unmöglich. Die Frage ist nicht, ob wir Kultur brauchen. Die Frage ist, ob wir noch bemerken, wann wir sie benutzen und wann sie uns benutzt.
Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen klug und dumm, angepasst und rebellisch. Sie verläuft zwischen bewusstem Mitmachen und automatischem Funktionieren. Zwischen Vereinfachung als Werkzeug und Vereinfachung als Realität.
Der Ausweg, wenn man ihn so nennen will, ist unspektakulär. Kein Aufstand, keine Erleuchtung. Eher eine Praxis der Unterbrechung. Der Moment, in dem man merkt, dass etwas unsinnig ist. Der Moment, in dem man trotzdem mitgeht. Und der Moment, in dem man das bemerkt.
Vielleicht beginnt Denken genau dort.
Nicht als große Geste.
Sondern als leiser Bruch im eigenen Funktionieren.
Kultur wird das nicht belohnen.
Aber sie wird es auch nicht verhindern.
Mehr ist vermutlich nicht drin.
